Bremische Evangelische Kirche: Der Scheinriese wankt – dank Staatshilfe fällt er nicht.

Bremische Evangelische Kirche: Der Scheinriese wankt – dank Staatshilfe fällt er nicht.

Die Evangelische Kirche in Bremen (BEK) war einst die dominierende und viele Bereiche des Lebens bestimmende Kraft in Bremen, sie ist weitgehend zu einem inhaltsleeren, kraftlosen Gebilde und zum Vorhof eines dominierenden Sozialkonzerns geworden. Der aktive Kern ist auf ein sehr kleines Häuflein „Grauhaariger“ geschrumpft.

Vor 150 Jahren war alles klar, bis auf ganz wenige Katholiken waren fast alle Bremer*innen Mitglieder evangelischen Kirche. Fast alle wurden getauft und Ehen wurden vor dem Altar besiegelt. Tod und Soldatenabschiede in die Kriege des deutschen Reiches waren ohne kirchlichen Seegen nicht denkbar. Noch 1970 gehörten 80,6 Prozent zur evangelischen Kirche nur knapp über 10 Prozent zu den Katholiken. Weder die rote Novemberrevolution von 1918/19 noch die Einheit von Nazis mit der bremischen evangelischen Pastorenschaft und die Befreiung nach 1945 hatten an dieser Dominanz etwas ändern können. Seit jedoch naturwissenschaftliche Erkenntnisse zur Entstehung der Erde, die Evolutionstheorie …, den massenhaften Einzug in die Klassenzimmer geschafft haben, wird der Götterglaube, die Schöpfungsgeschiche, die Fabeln von der Auferstehung und der jungfräulichen Geburt zu dem was sie sind: Märchengeschichten.

Der ehemalige Göttinger Theologieprofessor Gerd Lüdemann bezifferte den historischen Wahrheitsgehalt der Bibel auf 5% und und empfahl den Kindern klar zu machen, dass die Bibel- „geschichten genauso Märchen sind, wie die über Rübezahl und Schneewitchen“. Junge Welt 23.12.2009.

Damit wurde die Kirchenmitgliedschaft für die meisten Menschen weitgehend überflüssig. In einigen gutbürgerlichen Stadtteilen und bei Mitgliedern der alten bremischen Kaufmannschaft gehört es noch dazu, diakonisch zu wirken und kirchliche Positionen zu besetzen. Die Domgemeinde und andere aus Schwachhausen, Oberneuland und Borgfeld, die großen Sozialunternehmen der Kirchen sind Aufstiegslogen der „feinen“ Leute.

Im täglichen Bewusstsein ist Kirche und Religion weitgehend ausgeblendet. Würden nicht die staatlichen Medien (Wort zum Sonntag /Spaziergang des Papstes durch Rom) und der Blätterwald aus Bild und Weser Kurier ständig erinnern – kaum jemand würde merken, dass es Kirche noch gibt.

Dies drückt sich in Bremen in konkreten Zahlen aus. Von 1871 mit 95 Prozent ging der Abstieg ganz langsam auf 80 Prozent, einhundert Jahre später. Doch danach ging es rasant abwärts. Über 45,6 Prozent im Jahre 2000 wird die Anteil der evangelischen Christ*innen in 2020 unter die 30 Prozent Marke sinken. In Zahlen sind dies etwa 168 000 Menschen von insgesamt 570 000 Bremer*innen.

Aber nur der geringste Teil der Kirchenmitglieder hat im realen Leben etwas mit seiner Kirche zu tun. Die große Mehrheit (Rentner, Schüler, Studierende, Erwerbslose, bei Niedrigeinkommen) hat kein zu versteuerndes Einkommen und zahlt daher keine Kirchensteuer. Viele dürften sich daher gar nicht mehr an die Mitgliedschaft erinnern. Verschiedene Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass 20 bis 30 Prozent der Mitgliedschaft der evangelischen Kirche nicht an einen Gott glaubt. Zwischen 25 und 30 Prozent denken aktuell über einen Kirchenaustritt nach.

Dazu kommt noch ein gravierendes Überalterungsproblem. Gerade mal 13 Prozent der in Bremen Geborenen erhalten die evangelische Kindertaufe, während der Anteil bei den über 70igjährigen noch bei 50 Prozent liegt. Das Statistische Landesamt verzeichnete im Jahre 2018 insgesamt 2960 Eheschließungen, davon ließen sich 308, also knapp 10,4 Prozent evangelisch Trauen. (Katholisch 70 = 2,36 Prozent.) Diese Pyramide lässt sich leicht auf das Jahr 2050 hochrechnen.

Noch düsterer erscheint die Zukunftsperspektive bei der Betrachtung der Teilnehmer*Innen an Gottesdiensten und anderen rein religiösen Veranstaltungen. Die EKD gibt die Zahl der regelmäßigen ( 1 mal im Monat) GottesdienstbesucherInnen mit 3,2 Prozent der Mitgliedschaft an. Für Bremen wären dies 5300 bis 5500 Menschen. Bei Betrachtung der sonntäglichen Ritualveranstaltungen wird das Altersgefälle noch sichtbarer. Eine zur Teilnahme verpflichtete KonfirmandIn auf sechs Grauhaarige. Nur wenn das im christlichen Kindergarten eingeübten Stück in der Kirche aufführt wird, ist es voll, allerdings nur ein mal im Jahr. Der Abschiedsgruß der Eltern: Bis zum nächsten Jahr.

Bei den Evangelikalen ist es voller

Bei den evangelikalen Kirchengemeinden innerhalb der BEK ist es dagegen deutlich voller. Die „Leuchtturmkirchen“ der Evangelikalen, die Martinigemeinde und die Matthäusgemeinde sind sonntags voll. Jeweils bis zu 400 Personen drängten sich in den vor Corona Zeiten zu den bibeltreuen Reden der Pastoren Schröder und Latzel. Insider schätzen, dass etwa die Hälfte der sonntäglichen Zuhörer auf die acht evangelikalen Gemeinden innerhalb der BEK entfallen.

Es bleibt ein kleiner Rest von zweieinhalb bis dreitausend Menschen, stark überaltert. Sie machen den harten Kern der „evangelischen Bewegung“ in Bremen aus.

Dieser reale Istzustand steht im deutlichen Widerspruch zur Rolle der Kirche, die diese in Politik, Teilen der Gesellschaft und vor allem den Bremer Medien spielt.

Die evangelische „Volkskirche“ die Menschen mobilisiert, im Zweifel die Geisteshaltungen bestimmt, gibt es in Bremen und den anderen deutschen Großstädten nicht mehr.

Aber die Kirche ist ein Machtfaktor. Die Domgemeinde, und einige andere Kirchen der besseren Gesellschaft sind Treffpunkte der „feinen Leute“ des Bremischen Unternehmertums. Sie agieren wie Logen. Die personellen Überschneidungen zwischen den Kirchenleitungen der genannten Gemeinden, dem Präsidium der Industrie und Handelskammer, Teilen der Parteien und dem Parlament sind beträchtlich. Der Anteil kirchennaher Abgeordneter der Bürgerschaft ist vier mal so hoch wie der Anteil der aktiven Religiösen in der Gesellschaft. Es sind diese Verbindungen, die den Einfluss der Kirche weit über ihre tatsächliche Verankerung in der Gesellschaft möglich machen.

Ohne die aktive Unterstützung des Staates wäre dies nicht möglich. Dies zeigt sich insbesondere im Bildungsbereich. Hier wird mit ca. 90 kirchlichen Kindergärten, 12 kirchlichen bzw. religiösen Schulen, dem Religionsunterricht an den staatlichen Schulen massiv Werbung für Götter und deren Bodenpersonal betrieben. Alls dies wird aus allgemeinen Steuermitteln bezahlt. Die kirchlichen Wohlfahrtseinrichtungen, von Friedehorst, über Innere Mission und Caritas sind nach Daimler und dem Staat die größten Unternehmen der Stadt mit insgesamt ca. 7- 8000 Beschäftigten. Bremens größter Jugendhilfeträger wird von der Domgemeinde und der Ansgarigemeinde geführt. Die größte Sozialeinrichtung Bremens, die Siftung Friedehorst hat ein Kuratorium, das sich überwiegend aus Personen der Bremer Unternehmerschaft, Pastoren und den „christlichen“ Abgesandten der Politik (Rövekamp) zusammen setzt.

Die Mitgliederverwaltung der überwiegend inaktiven Kirchenmitglieder wird vom Staat gemanagt. Bei 35 000 jährlichen Zuzügen nach Bremen fragt der Staat mit dem Einwohnermeldeamt nach der Kirchenzugehörigkeit. Der seit der Taufen nicht mehr in der Kirche gesehene Neustudierende an der Bremer Uni wird genauso vom Einwohnermeldeamt zum Kirchensteuer pflichtigen Mitglied wie die in Kroatien nicht mehr zum Beten gegangene Pflegehelferin. Die Kirchen als privatrechtliche Organisation hätten bei dem hohen Bestand an Inaktiven Mitgliedern (Karteileichen) den größten Teil ihres Bestandes ohne staatliche Erfassung und staatliches Inkasso schon längst eingebüßt. Die hohen Mitgliederzahlen als Begründung ihres Einflusses und ihrer Privilegien wären längst passe.

Die riesigen Kirchen-Apparate mit Diakonen, Predigern und Gruppenleitern kann sich die Kirche nur leisten, weil sie in den Genuss erheblicher staatlicher Zuwendungen, Subventionen und Vergünstigungen kommt. Diese belaufen sich bundesweit auf ca. 20 Milliarden Euro jährlich. Da sind die zusätzlichen Kirchensteuereinnahmen von zuletzt 12 Milliarden Euro, einkassiert durch die Finanzämter des Staates, nur der kleinere Teil der Einkünfte.

In Bremen erhält die Evangelische Kirche, einschließlich ihrer Kindergärten und Schulen Steuervorteile und Subventionen in Höhe von 80 bis 90 Millionen Euro jährlich.

Kirchen zahlen keine Grundsteuer, auch nicht für ihre vermieteten Wohnimmobilien, um nur ein Beispiel zu nennen.

Der bei der evangelischen Kirche angestellte Apparat mit seinen ca. 2200 Beschäftigten (ohne Wohlfahrtsverbände und Diakonisches Werk)) ist das eigentliche Rückrad der Kirche. Die evangelische Jugend, mit einigen Gruppen wird von einem Pastor nebst seinem hauptamtlichen Stab von ca. 15 Personen zusammen gehalten. In sehr vielen Kirchengremien, vom regionalen Kirchenvorstand bis zu den zentralen Ausschüssen der BEK gibt es eine Dominanz von Personen, die von der Kirche ihr Gehalt ausgezahlt bekommen. Der finanzielle Selbsterhaltungstrieb des Apparates, der Geschäftsbetrieb als Kooperationspartner des Staates bestimmt die Denkrichtung.

Als fromme Bewegung mit relevantem gesellschaftlichen Einfluss aus sich selbst heraus hat die BEK ausgedient. Die evangelische Kirche bewirbt sich mit ihren Sozialunternehmen und suggeriert, die Kirchensteuer würde in Pflegeeinrichtungen fließen. Dieses Modell „Sozialkirche“ soll gesellschaftliche Anerkennung schaffen, die mit der Verbreitung mittelalterlicher Märchen nicht mehr zu erzielen ist. Die evangelische Kirche weis um ihre prekäre Situation und denkt über die Abschaffung der sonntäglichen Gottesdienste nach – weil eh kaum jemand kommt.

Die große Gefahr besteht darin, dass Evangelikale die Hülle der Evangelischen Kirche nutzen, um einerseits neuen Anhänger*Innen zu organisieren und andererseits in gesellschaftliche Milieus vorzustoßen, die sie bloßer Bibel Rhetorik nie ansprechen könnten und damit wie zum Beispiel den USA auch als Teil einer rechtskonservativen Wende politikfähig werden können.